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Henning Scherf im Postsaal-Gewölbe.

Zu keiner Zeit publikumsscheu: Dr. Henning Scherf ging mit seinen Zuhörern im Postsaal-Gewölbe auf Tuchfühlung. Foto: fam

Faszinierende drei Stunden mit Henning Scherf

Bremens Ex-Bürgermeister spricht bei SPD-Veranstaltung im voll besetzten Postsaal-Gewölbe über die Chancen des Alters

Von Michael Falkinger

„Hallo, ich bin Henning Scherf, und ich bin der, der heute hier spricht.“ Mit diesen Worten – und per Handschlag – hat Bremens ehemaliger Bürgermeister Dr. Henning Scherf die Besucher im Postsaal-Gewölbe begrüßt. Scherf sprach in der Veranstaltung, die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler und der Trostberger SPD-Ortsverein organisiert hatten, über die Chancen, die das Alter bietet. Der Altbürgermeister, der kürzlich 76 Jahre alt geworden ist, hat zu diesem Thema unter anderem das Buch „Grau ist bunt – Was im Alter möglich ist“ geschrieben.


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Der SPD-Politiker, der mit seiner Gattin Luise und weiteren Personen in Bremen in einer Senioren-Wohngemeinschaft lebt, stellte den Gedanken in den Mittelpunkt, wie ältere Mitmenschen fester Bestandteil der Gesellschaft sein können. Senioren wollen sich einbringen und nicht in die Ecke geschoben werden, erklärte Scherf. „Im Schnitt werden wir schon jetzt 30 Jahre älter als unsere Großeltern.“ Das sei Leben, das die Menschen geschenkt bekommen, denn der Eintritt in die Rente bedeutet nicht automatisch 30 Jahre Bettlägerigkeit.

Scherf zeigte auf, wie sich Senioren am Leben beteiligen können, wie solche Teilhabe auch bereits gesundheitlich Angeschlagenen helfen kann, und erzählte aus dem Leben in seiner Bremer Senioren-WG. Bundesweit gibt es rund 30.000 solcher Wohngemeinschaften. Dazu kommen über 1.000 Pflegewohngemeinschaften.

Bei Senioren kreative Potenziale zu wecken, hält Scherf für wichtig. Er selbst besucht mindestens einmal wöchentlich eine Grundschule, um sich mit Kindern zu beschäftigen. „Ich muss Kinder erreichen, mich mit Kindern verbünden.“ Die Grundschüler fassen Vertrauen zu ihm. „Das ist eine so wunderbare Erfahrung. Das spüre ich richtig.“ Inzwischen befinden sich Schulen regelrecht im Wettlauf um Ehrenamtliche. Auch in Trostberg bewegt sich hier bereits seit mehreren Jahren einiges: Vor Jahren war aus einer Idee des Seniorenbeirats das Projekt „Senioren schenken Zeit“ entstanden: Ältere Mitbürger gingen in die Kindergärten oder in die AWO-Ganztagsbetreuung, um vorzulesen oder mit den Kindern zu basteln, spielen und turnen. 2007 hatte Luise Stadlberger, die in der Ganztagsbetreuung mit den Kindern malt, sogar das „Bayern 3-Sternchen“ erhalten, mit dem der Radiosender außerordentliches Engagement für Kinder belohnt.

Aber nicht nur mit Kindern kreativ zu sein spielt eine Rolle. Der Pensionär Scherf, von 1995 bis 2005 Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen, wurde Chorsänger, begann zu malen und verstärkte sein ehrenamtliches Engagement. Denn: Das Schlimmste ist, wenn man älteren Menschen Aufgaben wegnimmt. „Das ist nicht freundlich, obwohl es freundlich gemeint ist.“

Hauptthema des Abends war natürlich die Art, wie Scherf in Bremen wohnt. Die Mehrheit der Älteren will in Gemeinschaft leben, sagte der Sozialdemokrat überzeugt. Über 50 Prozent der deutschen Haushalte seien Single-Haushalte – Tendenz steigend. Dabei deckten ältere Menschen die ganz große Mehrheit dieser Single-Haushalte ab. „Und das ist eine Bedrohung“, betonte Scherf mit Blick auf drohende Alterseinsamkeit und Altersdepression. Allein zu sein sei nicht die Perspektive, die von der Mehrheit angestrebt wird.

Vor 27 Jahren bereits hatte Scherf mit anderen die WG gegründet. Drei von den Mitbewohnern hatten zuvor ihre Häuschen verkauft, um ihr neues Haus in der Bremer Innenstadt finanzieren zu können. Jeder Bewohner hat seinen eigenen Bereich mit eigener Küche. Es gibt „keine gemeinsame angeordnete Essen“, nur am Samstagfrüh treffen sich die Bewohner zum Frühstück, um hier alles Wichtige zu besprechen. Konflikte tragen die Bewohner offen oder mit Hilfe eines Mediators aus.

Scherf bezeichnete die WG als Haus voller Gästemöglichkeiten. „Wir sind ein richtiges Kinderhaus.“ Das Haus verfügt über genügend Platz für die Kinder und Enkel der Bewohner. Kinder und Enkel sind auch mit von der Partie, wenn die WG gemeinsam in den Urlaub fährt.

Der Ex-Bürgermeister gab zu, dass diese Art des Wohnens zu organisieren, nicht immer unkompliziert sei. Einige Fragen zur Finanzierung solcher Projekte blieben auch offen, wie Herbert Edbauer vom Vorstand der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Trostberg eG gegenüber dem Orgelpfeifer  bedauerte. Die Baugenossenschaft beschäftigt sich seit etwa drei Jahren mit dem Projekt „Bauen für Senioren“. Auf dem Areal zwischen Anton-Lehemeir-, Ufer- und Bayernstraße will die Genossenschaft barrierefreies Wohnen ermöglichen und damit die Generation 50 plus ansprechen. Die geplante Wohnanlage gewährt auch betreutes Wohnen; es ist möglich, sowohl Senioren als auch Betreuungspersonal Wohnraum anzubieten. Zudem könnte es nicht nur abgeschlossene Wohneinheiten, sondern auch Wohngruppen geben.

Ausgereifte, vor Ort durchführbare Lösungen zu präsentieren, war nicht Scherfs Aufgabe, sondern Möglichkeiten und Perspektiven aufzuzeigen und zu motivieren. Und das schaffte er mit seinen flammenden Appellen an junge Menschen, Ältere mit einzubeziehen, und an ältere Menschen, nicht abseits zu stehen.

Im Abseits stand Scherf zu keiner Zeit des Abends. Aufgrund seiner Größe von mehr als zwei Metern verzichtete der Hanseat darauf, auf die Bühne ans Pult zu gehen, sondern bewegte sich im Zuschauerraum des voll besetzten Postsaal-Gewölbes. Es war auch kein Vortrag, den Scherf hielt; es war vielmehr eine Mischung aus Gespräch mit den Zuhörern und aus Erzählen von Anekdoten. Scherf wusste sowohl mit dem Inhalt seiner Ausführungen als auch mit der Art, wie er sie vortrug, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Und so waren drei Stunden auf einmal wie im Flug vergangen.

(7. November 2014)

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