„In meiner CSU hat’s noch Haderlumpen gegeben, wo’s heute nur noch zu Haderthauern reicht“: Helmut Schleich alias FJS. Fotos: fal

Worthülsenvollernter und Politikpygmäen

Helmut Schleich mit „Ehrlich“ im Postsaal: Wortgewaltiges Kabarett – Klartext von Strauß adhoc und posthum

Von Andreas Falkinger

Wenn’s sogar der Strauß sagt. Also einer, der von Rechts wegen – zumindest in Bayern – unter Vernachlässigung sämtlicher kirchenrechtlicher Dogmen längst heiliggesprochen sein müsste, ohne dass dafür in diesem Fall so redundante Stadien wie das einer Seligsprechung eingehalten werden müssten. Die Kanonisierung des Landesübervaters müsste doch eigentlich eine Sebbverständlichkeit sein. Wenn’s sogar der Strauß sagt, dann wird’s doch stimmen: Der Bayer per se ist aus einer genetisch-geschichtlichen Konstitution heraus – nun, fremdenfeindlich. Sagt der Strauß.


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Eigentlich sagt das nicht er, sondern der einzige, der ihn adhoc und posthum an den Rednerpulten des Freistaats und weit darüber hinaus vertreten darf. Nein, natürlich nicht der Seehofer. Das merken’s jetzt aber schon selber? Oder der Scheuer? Dieser Prager Halbdoktor? Ja sicher nicht, der ist ja schon keine Phrasendreschmaschine mehr, der ist ein Worthülsenvollernter („Lampedusa darf kein Vorort von Kiefersfelden werden.“). Nein, der einzige, der mit Straußens Zunge sprechen darf, ist und bleibt: Helmut Schleich. Und das hat er im ausverkauften Trostberger Postsaal voll umfänglich und angemessen getan, ned wahr, meine Damen und Herren?

„Ehrlich“ heißt Schleichs Kabarettprogramm. Da findet sich in der ersten Hälfte die CSU eindeutig unterrepräsentiert. Die Bestie von Doddlbach, der Conferencier im knallroten Karosakko, der Ethik-Banker, der Stammtischbruder, der so elegante wie abgehalfterte Heinrich von Horchen, aber keine CSU. Wenn man ein Programm schon unter das Motto „Ehrlich“ stellt, dann muss man auch bitteschön so ehrlich sein und zugeben, dass das bayrische Kabarett seine herausragende Stellung in erster Linie der CSU verdankt – „und zwar meiner CSU, meine Damen und Herren, meiner CSU“. Sagt Schleich-Strauß.

„Einer Partei, die Bayern noch als ihren Privatbesitz betrachtet hat – und das nicht, weil die Berge so schön sind und der Himmel so blau und die Wälder so grün und die Seen so klar. Diese weiß-blauer Klischee-Fabrikation entstammenden Bilder, deren sich meine so genannten Nachfolger heute bedienen, haben uns seinerzeit einen Dreck interessiert. Weil wir noch mitgespielt haben in der Weltpolitik.“ So ist das. Eigenhändig eingefädelte Milliardenkredite, Waffen für Damaskus und für Tel Aviv. Da haben CSU-Politiker noch mit Panzern gehandelt. Und nicht mit Modellautos. „In meiner CSU hat’s noch Haderlumpen gegeben, wo’s heute nur noch zu Haderthauern reicht. Und wo ein Scharnagl seine Separatistenfolklore in seine Broschüre respektive Faltblatt „Bayern kann es auch allein“ packen darf.

Das Urteil aus dem Jenseits fällt harsch aus: Nur noch politische Pygmäen, die nur um ihre Beliebtheit in den Umfragen kämpfen, diese Zwerge in Westentaschenformat, diese Reclam-Ausgabe von Politikern. Oder dieser Stoiber, sein Brotzeitholer, der sprechende Aktendeckel, dessen nachhaltigstes Wirken mit dem täglichen Hinrichten von Muschis Blumen im Wolfratshauser Vorgarten am signifikantesten beschrieben ist, abgesehen von der Erfolgsbilanz von G8 bis Hypo-Alpe-Adria natürlich.

Die Strauß-Parodie ist der stärkste Teil des Programms – und das ist diesmal an Stärken wahrlich nicht arm. Im „Ehrlich“-Vorgänger „Nicht mit mir“ hat sich Schleich noch verzettelt, zu viele Ideen mit zu vielen Bühnencharakteren – Otti Fischer, von Horchen, Strauß, die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., Hans-Jochen Vogel, ein Stammtischbruder, ein sächselnder Eremit, ein Psychotherapeut – in ein Programm gepackt. Das ist Schleich mit „Ehrlich“ deutlich kompakter gelungen. Seine Figuren hat er sauber definiert, die Bestie von Doddlbach, ein sympathisch-spießbürgerlicher Massenmörder von Nebenan, spricht Fränkisch, von Horchen sabbert und schwadroniert auf Hochdeutsch, Strauß redet Klartext, alles gut.

Und ansonsten? Bringt „Ehrlich“ alles, was vom Kabarett erwartet wird. Der Steuerhinterzieher-Azubi Hoeneß, die große Politik der Politzwerge de Misere und Kanonenuschi, die Fotosafari der Bundeswehr, vorausgesetzt es ist hell. Digitalisierungskommissar und EU-Bildschirmschoner Günther Oettinger, die Griechenlandkrise mit ihren draghischen Zügen. Und der Bayerische Rundfunk, der meint, Volksmusik sei für den bayrischen Hörer einfach nicht mehr „erwartbar“, will heißen: zumutbar. Und das, obwohl der BR nicht müde wurde und wird, das Bild Bayerns als „ein riesiges Freiluftmuseum mit unverständlichen Dialekten, ausgestorbenen Berufen und mitten drin einem Promikoch, der Weißwürscht paniert“, zu etablieren.

Auch die Flüchtlingskrise bekommt ihren Raum. Aber nicht platt mit wohlfeilen Kabarett-Botschaften, in denen der Zuschauer sein „Gutmenschentum“ gestreichelt fühlt. Hier wählt Schleich den Umweg über die Befindlichkeiten des Bayern – und kommt so direkter zum Ziel. Denn die Ergebnisse der „Mitte“-Studie der Leipziger Uni sollte eigentlich niemanden überraschen: Im bundesweiten Vergleich ist nur in Sachsen-Anhalt der Zustimmungswert zu ausländerfeindlichen Einstellungen höher als in Bayern. Das gehört aber in Bayern auch zur Folklore: Das eine wollen, ohne das andere zu lassen, das ist typisch bayrisch. „Ins Deutsche Reich eintreten, aber eine eigene Eisenbahn haben wollen. Das Grundgesetz ablehnen, aber der Bundesrepublik beitreten. Das ist Bayern. Maulhelden samma.“

„Sie brauchen sich über die Versorgung meiner Person und meiner Familie keine Sorgen zu machen! Diese Frage ist bis zum Einmarsch der Roten Armee weitgehend geregelt.“ Sagt der Strauß. Das Selbstbewusstsein Bayerns sei nichts anderes als ein verkappter Minderwertigkeitskomplex. „Mia san mia – das ist das Pfeifen im Walde, damit man das Fürchten nicht merkt.“ Mit den Franzosen gegen die Österreicher, mit den Österreichern gegen die Preußen, mit den Preußen gegen die Franzosen, das ist der bayrische Weg im 19. Jahrhundert. Da gibt’s nix Eigenständiges. „Im Arsch des Stärkeren von Sieg zu Sieg marschieren, das würde viel besser zu uns passen.“ Und was war Bayern nach dem Krieg? „Ein Agrarstaat, ein dreckerter. Warum glauben’S denn, dass wir so gern asphaltieren? Damit wir nie wieder barfuß im Dreck stehen müssen.“ Hauptsach, alles ist schön sauber. „Uns graust’s vor unserer eigenen dreckigen Vergangenheit, von der wollen wir nix mehr wissen. Das verbindet uns mit allen anderen Emporkömmlingen dieser Welt.“ Deswegen haben wir Traditionen – die lassen sich besser pflegen als eine schmutzige Vergangenheit. In dieser Tradition schaut der Bayer dann gern auf die anderen runter, auf die Österreicher, die Preußen, die Franken, die Afrikaner, die Amerikaner, Russen, Griechen und Araber. Von unten. Der Bayer? Der mag eigentlich keinen, noch nicht mal sich selbst. Den Blickwinkel schildert Schleich in Straußens Gestus, paradox, aber eindrücklich. Wenn wir das verstanden haben, werden wir auch verstehen, dass „Gutmensch“ nicht schlecht, sondern das Gegenteil von Schlechtmensch ist. Ehrlich.

(9. Februar 2016)