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Büchners "Woyczeck" am HGT

„Was gafft ihr?“: Woyzeck (Kyle Weimar) umarmt mit blutbesudelten Händen seine Tochter (Luisa Stimpfl). Fotos: Hertzhaimer-Gymnasium Trostberg

„Was gafft ihr? Guckt euch selbst an!“

Theatergruppe des Hertzhaimer-Gymnasiums inszeniert „Woyzeck“

Von Michael Falkinger

„Friedrich Johann Franz Woyzeck, Wehrmann, Füsilier im zweiten Regiment, zweites Bataillon, vierte Kompanie, geboren Mariä Verkündigung, den 20. Juli – ich bin heut alt 30 Jahr, sieben Monat und zwölf Tage.“ Der Mann – Woyzeck – hat mit seinem Leben und mit der Welt abgeschlossen. Der Soldat teilt seinem Kameraden Andres mit, wer nach seinem Tod seine Habseligkeiten bekommen soll.


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Es ist keine leichte Kost, die die Theatergruppe des Hertzhaimer-Gymnasiums ihrem Publikum in der Aula der Schule serviert. Nach der Komödie „1-2-3“ im vergangenen Jahr hat die Gruppe unter der Regie von Heinrich Salomon Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ einstudiert und am Freitagabend erfolgreich Premiere gefeiert.

Es ist keine heile Welt, die Büchner (1813 bis 1837) in „Woyzeck“ zeichnet. Woyzeck (gespielt von Kyle Weimar) ist Soldat, aber kein Held. Die Gesellschaft, in der Woyzeck lebt, unterdrückt und demütigt ihn. Der Hauptmann (Simon Prechtl) bezeichnet Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft und seines unehelichen Kinds (Luisa Stimpfl) mit Marie (Lena Stimpfl) als unmoralisch. „Er hat ein Kind, ohne Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir.“ Der Hauptmann attestiert Woyzeck zwar, ein guter Mensch zu sein, aber: „Er ist dumm, ganz abscheulich dumm!“

Dabei verhält sich eher die Gesellschaft unmoralisch: Um seinen Sold aufzubessern, lässt sich Woyzeck vom Arzt (Theo Wolter) als Versuchskaninchen missbrauchen. Der Doktor verpflichtet Woyzeck zu einer Erbsen-Diät, will mit seinem Experiment die Wissenschaft revolutionieren, sie „in die Luft sprengen“. Woyzeck, der Symptome für Schizophrenie zeigt und immer wieder Stimmen hört, leidet durch die Diät an Mangelerscheinungen, die seine psychische Störung noch verschlimmern. „Herr Doktor, ich hab’s Zittern“, jammert Woyzeck. „Herr Doktor, es wird mir dunkel!“ Doch den Arzt interessiert’s nicht. Woyzeck ist lediglich „ein interessanter Kasus“. Der Soldat ist für ihn kein Mensch, nicht einmal Kreatur, sondern schlicht „Subjekt Woyzeck“.

Das Ausgegrenztsein Woyzecks wird noch verstärkt durch die Affäre Maries mit dem Tambourmajor (Jacob Mooser), der dem einfachen Soldaten in allen Belangen überlegen ist. „Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw“, sagt Marie fasziniert über den Tambourmajor. Woyzeck ahnt Übles und greift den Tambourmajor an. Doch auch im Kampf Mann gegen Mann unterliegt Woyzeck. Indessen plagt Marie das Gewissen und sucht Trost in der Bibel. „Aber die Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, im Ehebruch begriffen, und stelleten sie ins Mittel dar… Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Doch Marie verzweifelt: „Herrgott! Herrgott! Ich kann nicht!“

So kommt es, wie es kommen muss: „Stich, stich die Zickwolfin tot“, impfen Stimmen dem psychisch Gestörten ein, der beim jüdischen Händler (Anton Gorodanski) ein Messer kauft. Woyzeck überredet Marie, mit ihm zu einem Teich zu spazieren. Dort schneidet er ihr die Kehle durch. „Wenn man kalt ist, so friert man nicht mehr. Du wirst vom Morgentau nicht frieren“, sagt er zu ihr vor dem tödlichen Stich.

Büchner begann mit „Woyzeck“ vermutlich zwischen Ende Juli und Anfang Oktober 1836, doch ist der Hintergrund zeitlos, kann auch heutzutage spielen. Ein physisch und psychisch labiler Mensch wird in die Außenseiterrolle gedrängt, ordnet sich der Willkür anderer Menschen unter. Letztlich zerbricht die Untreue Maries die Beziehung zu ihr – allein diese Beziehung hat Woyzeck jedoch das Gefühl vermittelt, ein wertvoller Mensch zu sein.

Dabei ist es Woyzeck, der über weite Strecken honorig handelt. Dem Hauptmann gegenüber verteidigt er das ehelose Kind: „Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen!“ Auch wie es nach seinem möglichen Tod weitergehen soll, regelt er, indem er seinem Kameraden Andres (Ludwig Janitzki) aufträgt, wie er mit seinem wenigen Eigentum umgehen soll. Freilich unterschätzt der treue Freund den Fortschritt Woyzecks Krankheit. „Franz, du kommst ins Lazarett. Armer, du musst Schnaps trinken und Pulver drin, das töt’ das Fieber.“ Letztlich klagt Woyzeck die Gesellschaft an: „Teufel, was wollt ihr? Was geht’s euch an?“, schreit er das Publikum in der Aula an. „Platz, oder der erste – Teufel! Meint ihr, ich hätt jemand umgebracht? Bin ich ein Mörder? Was gafft ihr? Guckt euch selbst an! Platz da!“

Der Theatergruppe des Hertzhaimer-Gymnasiums ist erneut eine beeindruckende Inszenierung gelungen. Es ist die Gesamtkomposition, die das Dramenfragment so fesselnd macht. Auf der einen Seite das Schauspiel-Ensemble, das zu jeder Zeit überzeugt. Da wird gerauft, gepisst und geblutet. Die Sprache ist deutlich und auch hie und da umgangssprachlich. So kennt man es von Zeitgenossen Büchners nicht immer. Auf der anderen Seite stehen die Mitwirkenden, die hinter den Kulissen wirken. Die Technik und das Licht, die zum passenden Zeitpunkt die Protagonisten auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rücken. Nicht zu vergessen die Musik: Bernhard Zörners AG Neue Musik liefert die passenden Klänge. Schaurig-schöne Rhythmen der französischen Band „Nouvelle Vague“ untermalen zudem mehrere Szenen.

Die Theatergruppe des Hertzhaimer-Gymnasiums zeigt das Schicksal des einfachen Soldaten Franz Woyzeck noch drei Mal: am Montag, 13., am Mittwoch, 15., und am Freitag, 17. Juni, jeweils um 19.30 Uhr. Einlass ist ab 19 Uhr. In der Pause werden Erfrischungen gereicht.

(12. Juni 2016)