Vorgänger können nicht irren

zur Ablehnung des Gedenkstätten-Entwurfs der Arbeitsgruppe „Bürger/innen für das Erinnern“ durch die CSU-Stadtratsfraktion:

Trostberg Orgelpfeifer Dipferl Logo Kommentar Dipferlscheißer„Auch unsere Vorgänger haben sich Gedanken gemacht und sich bewusst für den Gedenkstein entschieden.“ CSU-Fraktionssprecher Hannspeter Fenis sieht weder Notwendigkeit noch Sinnhaftigkeit, die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus im Trostberger Friedhof aufzuwerten. „Aus einem Gefühl heraus.“ Das ist schon starker Tobak. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Bürger/innen für das Erinnern“, die sich intensiv mit dem KZ-Außenlager Trostberg, mit dem dunkelsten Kapitel Trostberger Stadtgeschichte auseinandergesetzt haben, handeln also nur „aus einem Gefühl heraus“. Vermutlich aus einem Gutmenschen-Gefühl heraus. Die brauchen sich auch nicht zu wundern, dass sie Fenis suspekt sind. Das fängt doch schon beim politisch korrekt gegenderten Gruppennamen an. Bürger/innen. Da weiß man doch gleich, aus welcher Ecke die kommen – zumindest aus einem Gefühl heraus.

Aber wo heraus handelt die CSU-Stadtratsfraktion? Nicht aus dem Gefühl, sondern aus dem Wissen, dass Trostberg seine nationalsozialistische Vergangenheit umfassend aufgearbeitet hat? Aus dem Wissen heraus, dass sie sich mit der Faktenlage intensiv auseinandergesetzt hat, bevor sie in der Stadtratssitzung in die Diskussion eintrat? Wohl weniger. Wie könnte sie dann vorschlagen, auch die „nicht namentlich bekannten Opfer“ zu erwähnen? Alle Namen der in Trostberg ums Leben gekommenen KZ-Häftlinge sind dokumentiert. Und alle acht Namen sind im Entwurf der Arbeitsgruppe aufgelistet. Richtig gut vorbereitet scheint die Fraktion ja nicht in die Sitzung gegangen zu sein.

„Auch unsere Vorgänger haben sich Gedanken gemacht…“ Sicher. Aber welche? Auf dem Stein steht: „Den unvergeßlichen Opfern des Faschismus als ewige Mahnung!“ Wenn sie sich Gedanken gemacht haben sollten, dann sind sie dabei aber nicht wirklich in die Tiefe gegangen. Gedenken verträgt keine Doppeldeutigkeiten. Klare Sprache, kein Vertun. Das ist auf dem derzeitigen Gedenkstein nur so mittelmäßig gelungen. Gedenken an die Opfer? Kann man rauslesen. Aber sprachlich hasenrein ist das nicht. Den Opfern als ewige Mahnung. Die Opfer werden gemahnt. Könnte man auch reininterpretieren. Hättet ihr besser aufgepasst, wär euch das nicht passiert. Der Mitläufer ist klar im Vorteil. So wie das formuliert ist, könnt’s auch eine posthume Verhöhnung der Opfer sein. „Auch unsere Vorgänger haben sich Gedanken gemacht.“ Offenbar ähnlich tiefschürfend wie ihre Nachfolger. Der CSU-Fraktion scheint das ehrende Gedenken an „ihre Vorgänger“ wichtiger zu sein als das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. 71 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins Land gezogen – und eine rationale Auseinandersetzung damit, dass auch Trostberg Schuld auf sich geladen hat, scheint immer noch nicht möglich. Da werden – gegen die ausdrückliche Empfehlung von Bürgermeister und Stadtverwaltung – neue Entwürfe in Auftrag gegeben, da werden marginale Änderungen als unabdingbar angesehen.

Zu „unseren Vorgängern“ zählt übrigens auch das Gremium, das von 1933 bis 1945 unter Bürgermeister Andreas Krämer die Geschicke der Stadt lenkte. Bestimmt hat sich das auch so seine Gedanken gemacht. Gedanken, die wir heute keinesfalls hinterfragen dürfen, war ja eine andere Zeit. Ein Gremium, aus dem 1933 die SPD-Mitglieder geworfen wurden. Die hatten unter anderem einen Antrag gegen das Hissen der Hakenkreuzfahne am Rathaus gestellt.

Geschichtsbewusstsein und Verantwortung – damit geht jeder anders um. Fenis beispielsweise hält den derzeitigen Gedenkstein für ausreichend, weil: „Ganz Deutschland gedenkt am Volkstrauertag dieser Opfer. Ich würde mir wünschen, daran würden mehr teilnehmen.“ So ein institutionalisiertes Gedenken ist halt schon praktisch. Staatlich verordnet, zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag, im November, wo’s eh schon so trist und ungemütlich ist, grad rechtzeitig, dass es die heimelige staade Zeit nicht stört. Kann man hingehen. Muss man aber nicht. Aber diese Gedenkstätte im Friedhof, die kann einem ja täglich ins Auge fallen. Wer bitte will damit außerhalb des reglementierten Gedenkbetriebs konfrontiert werden?

Tatsächlich sind es die kleinen, die kleinlichen Befindlichkeiten, die den Entwurf scheitern ließen: „Wir haben auch Vorstellungen, die wir einbringen wollen“, sagte Fenis. Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt schon nicht gewählte, dafür aber engagierte und sachkundige Bürger mitreden wollen? Bürger/innen gar? Wo bleiben denn da die eigenen „Vorstellungen“? Das ist die Reaktion, wie sie einem trotzenden Kind schon mal zugestanden werden kann. Aber Erwachsenen, die verantwortungsvoll Stadtpolitik machen sollen? Damit hat die CSU-Fraktion dem Ansehen des Stadtrates geschadet. Ohne Wenn und Aber. Beschämend.

Dipferlscheißer vom Dienst: Andreas Falkinger

Der Entwurf für das Mahnmal auf dem Trostberger Friedhof.

„Im Gedenken an das Leid der Häftlinge des KZ-Außenlagers Trostberg“: Der Entwurf der „Bürger/innen für das Erinnern“ hat es nicht durch den CSU-Stadtratsfraktions-TÜV geschafft. Zu viel Plexiglas, zu viel Text, zu viel Gedenken. Fotomontage: Susanne Augenstein

(19. März 2016)

Ergänzung von Grafikdesigner Christoph Rudholzner, der am Entwurf beteiligt war: Abgesehen davon wurde auch von der CSU-Fraktion nicht zur Kenntnis genommen, dass es sich beim Material um ESG, also um (mineralisches) Sicherheitsglas handelt. Die Firma Baumgartner war sehr angetan von der Idee der Arbeitsgemeinschaft, dass wir die beiden Platten zum Selbstkostenpreis zuzüglich Steuer bekommen hätten. So haben sich die Kosten nochmals deutlich verringert.“